Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches

Die außenpolitischen Folgen des Raubfriedens mit Frankreich

Die Herstellung der Einheit Deutschlands veränderte das Kräfteverhältnis in Europa. Für die Großmächte Frankreich, das zaristische Russland, England und die Habsburger Monarchie war es nun nicht mehr möglich, einen oder mehrere deutsche Kleinstaaten als Spielball für ihre Interessen zu benutzen. Das Deutsche Reich wurde zu einer europäischen Großmacht (siehe farbige Karte „Die Welt im Jahre 1870“).

Die Welt im Jahre 1870
Die Welt im Jahre 1870

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der einheitliche und mit einer starken Militärmacht ausgestattete Staat trat jetzt als Interessenvertreter der herrschenden Klassen Deutschlands auf, um deren wirtschaftliche und politische Interessen gegenüber den ausländischen Mächten wahrzunehmen.

 

Die Herstellung des einheitlichen Staates war aber von vornherein auch außenpolitisch außerordentlich belastet. Durch die Bedingungen des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 entstand ein unüberbrückbarer Gegensatz des Deutschen Reiches zu Frankreich. Diesen Gegensatz versuchten die herrschenden Klassen Deutschlands in erster Linie durch die weitere Aufrüstung zu begegnen. Die Regierung in Deutschland, insbesondere Bismarck, fürchteten, dass sich andere Mächte – vor allem Russland – mit Frankreich verbinden würden. Bismarck sprach von einem „Alpdruck der Koalitionen“. Daher konzentrierte er seine Bemühungen darauf, Frankreich zu isolieren. Außerdem versuchte Bismarck, die Stellung des deutschen Reiches gegen jede revolutionäre Bewegung abzusichern. So bemühte er sich um eine Zusammenarbeit der drei Monarchien Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland. Diese Entwicklung fand im Dreikaiserabkommen von 1873 ihren Ausdruck. Das Abkommen verpflichtete die Regierungen zu gegenseitiger Verständigung im Falle eines militärischen Angriffs und zur Solidarität im Kampf gegen revolutionäre Bewegungen.

Der Aufbau des Bündnissystems Deutschlands 1879

Das Dreikaiserabkommen konnte jedoch die gegensätzlichen Interessen Russlands und Österreich-Ungarns auf dem Balkan nicht überbrücken. Auf Kosten der hier noch um nationale Befreiung kämpfenden Völker wollten diese Mächte ihren Einfluss erweitern. Bismarcks Versuch, keine entscheidende Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden anderen Kaiserstaaten zuzulassen, erregte besonders den Unwillen der herrschenden Klassen in Russland und führte zur Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen gegen Ende der 1870er Jahre. 

 

Die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung schlossen im Oktober 1879 einen geheimen Bündnisvertrag ab. Dieser sogenannte Zweibundvertrag verpflichtete beide Mächte zur Hilfe bei einem Angriff Russlands oder Frankreichs. Dieses Bündnis wurde im Mai 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert. Die Politiker der herrschenden Klassen in Deutschland sahen, dass durch den Raubfrieden mit Frankreich 1871 ein Zweifrontenkrieg – Frankreich und Russland gegen Deutschland – drohte. Die Militaristen drängten daher auf eine noch stärkere Aufrüstung und einen Krieg.

Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich-Ungarn und der König von Italien
Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich-Ungarn und der König von Italien

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarck versuchte die Gefahr eines Zweifrontenkrieges durch ein Bündnis mit Russland zu begegnen: Im Jahre 1887 schloss er den sogenannten Rückversicherungsvertrag mit Russland ab, der beide Staaten im Falle eines Angriffs von dritter Seite zur Neutralität verpflichtete. Aber die Annäherung Russlands an Frankreich war damit nicht mehr aufzuhalten. 1890 wurde der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert, und 1892/93 kam s zu einem festen Militärbündnis zwischen Frankreich und Russland.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das Expansionsstreben der deutschen Großbourgeoisie. Erste Kolonialeroberungen

Die deutsche Großbourgeoisie versuchte mit wachsendem Aufschwung ihrer Industrie, neue Absatzmärkte und Ausbeutungsobjekte zu gewinnen. Da die politische Situation keine Eroberungen in Europa zuließ, konzentrierten sich Banken, Handelshäuser und Industrieunternehmen auf die Eroberungen von Kolonien in Afrika und anderen Erdteilen. 1884 wurde dann auch die erste Kolonie in Afrika erobert.

Vergleich Karten „Die Welt im Jahre 1870“ und „Die Welt im Jahre 1914“

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Hinrichtung eines Freiheitskämpfers in der deutschen Kolonie in Ostafrika im Mai 1889. (Fotografie)
Hinrichtung eines Freiheitskämpfers in der deutschen Kolonie in Ostafrika im Mai 1889. (Fotografie)

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wenn auch in schneller Folge noch mehrere Kolonien erobert werden konnten, so wurde doch sehr deutlich, dass die deutsche Großbourgeoisie im Kampf um Kolonien nicht mit den Kapitalisten anderer Länder mithalten konnte.

 

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Originaltext aus dem Geschichtsbuch der DDR

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